Das berechtigte Bedürfnis nach einer Antwort – und vielleicht auch nach einer möglichen Heilung – führt viele Menschen dazu, sich auf Analysen zu verlassen, deren Ergebnisse endgültig und enthüllend wirken. Leider sind sie das oft nicht (trotz hoher Kosten).

September ist Hochsaison für Ernährungsberater. Wie jeder echte Anfang (oder jedes echte Ende) bietet dieser Monat die Gelegenheit, einen neuen Lebensstil zu starten. Im besten Fall einen, der bleibt.

Manche kommen in meine Praxis offen für jeden Ratschlag. Andere haben schon vieles ausprobiert. Einige fühlen sich am Ende ihrer Kräfte. Wieder andere sind begeistert wie zu Beginn einer neuen Liebesgeschichte. Viele leiden aber unter Beschwerden, die sie nicht in den Griff bekommen – und die in früheren Beratungen schnell als blosser Stress abgetan wurden.

Kein Wunder also, dass sie nach Antworten suchen. Ein positives Testergebnis könnte dann wie ein rettender Anker wirken, an dem man sich nach Monaten des Unwohlseins festhält.

Und hier kommen wir zu den sogenannten „Unverträglichkeitstests“ auf Basis von Immunglobulin G – kurz IgG. „Sogenannt“, weil der Fehler schon im Namen steckt. Und zwar ein richtig grosser.

Also zurück auf Anfang und etwas Klarheit: Auch wenn ich das Zitat „Worte sind wichtig“ nicht ausstehen kann – Recht hatte er. Denn wer mit Begriffen schludert, liegt schnell daneben.

Was eine Nahrungsmittelunverträglichkeit wirklich ist

„Nahrungsmittelunverträglichkeit“ ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von Störungen, bei denen die Reaktion auf ein Lebensmittel NICHT (ja, grossgeschrieben, dreifach unterstrichen, sechs Ausrufezeichen) vom Immunsystem ausgeht.

Beispiele: Laktoseintoleranz (sehr häufig) oder Fruktoseintoleranz (seltener). Ursache ist meist ein Mangel oder Funktionsverlust eines Enzyms, das für die Verdauung einer Substanz zuständig wäre. Bleibt diese unverdaut, setzt sie Prozesse in Gang, die Beschwerden verursachen.

Beim Laktosebeispiel: Laktose ist ein Disaccharid – also zwei Zucker, Glukose und Galaktose. Gesunde Menschen bilden das Enzym Laktase, das Laktose in ihre Bestandteile zerlegt. Diese gelangen dann problemlos ins Blut. Wer jedoch keine oder eine „schiefe“ Variante (ja, das ist der Fachausdruck, geniessen wir ihn später) produziert, kann Laktose nicht aufspalten. Sie bleibt intakt. Und sobald sie in den Dickdarm gelangt, freuen sich die dortigen Bakterien, fermentieren den Zucker – und produzieren jede Menge Gas. Der Rest ist Geschichte.

Und was haben IgG damit zu tun? Genau: gar nichts. Immunglobuline sind Antikörper, also Teil des Immunsystems. Und Intoleranzen haben mit dem Immunsystem nichts zu tun.

Nahrungsmittelallergien

„Aber was ist mit Störungen, die doch das Immunsystem betreffen?“ Klar gibt es die: Allergien. Zum Glück deutlich seltener als Intoleranzen.

Hier spielt das Immunsystem verrückt: Es verwechselt ein harmloses Stückchen Nahrung (Antigen) mit etwas Gefährlichem und löst eine ganze Kaskade aus – von Juckreiz im Mund über Schwellungen von Zunge oder Rachen bis hin zum anaphylaktischen Schock. Daran ist wirklich nicht zu spassen. Die einzige Vorbeugung: das Allergen strikt meiden.

Hier sind tatsächlich Antikörper beteiligt – allerdings andere, nämlich IgE, die von Mastzellen produziert werden. Zum Glück sind sie die seltensten Antikörper. Man mag sich gar nicht vorstellen, was sonst beim Essen los wäre.

IgG-Tests – und wie man sie falsch benutzt

Und die IgG? Sinnlos sind sie keineswegs. Der Körper verschwendet keine Energie. IgG sind die häufigsten Antikörper überhaupt, gebildet von Plasmazellen, und sie schützen uns vor Bakterien und Viren. Ein Mangel an Gesamt-IgG ist sogar ein Alarmzeichen.

Hohe IgG-Werte gegen ein Lebensmittel zeigen nur eines: Wir haben dieses Lebensmittel öfter gegessen. Punkt. Kein Hinweis auf Giftigkeit oder Schädlichkeit. Keine Ursache-Wirkung.

„Aber ich habe doch Beschwerden, wenn ich genau die Lebensmittel esse, die der Test markiert!“ Das mag sein – doch die Ursache liegt meist woanders: zu wenig Abwechslung, andere Entzündungsfaktoren (Rauchen, Alkohol, Medikamente, schlechter Schlaf, Stress, Bewegungsmangel) … oder schlicht zu viel und zu häufig von genau diesem Lebensmittel.

Das Risiko? Wer aufgrund solcher Tests ganze Lebensmittelgruppen streicht, macht seine Ernährung ärmer, belastet sich mehr und fühlt sich langfristig schlechter.

Ein professioneller Ansatz

Wenn ihr neugierig seid, macht solche Tests ruhig. Aber bitte: Baut euer ganzes Therapiekonzept nicht auf den hübschen Grün-Gelb-Rot-Farbkästchen im Bericht auf. Sie können völlig bedeutungslos sein.

Und lasst euch auch nicht täuschen, wenn ihr euch kurzfristig besser fühlt, nachdem ihr manche „roten“ Lebensmittel reduziert habt. Klar, eine Pause kann helfen. Doch die Ursache bleibt ungelöst – und bald werdet ihr auch Gelb meiden und selbst bei Grün ins Grübeln kommen. Keine schöne Perspektive.

Ich weiss, dieser Artikel wirft viele Fragen auf. Hoffentlich liefert er auch ein paar gute Antworten. Vor allem lege ich euch ans Herz, euch an einen Spezialisten zu wenden, der euren individuellen Fall wirklich gründlich anschaut – statt eine Standardlösung aus der Schublade zu ziehen. Stellt Fragen. Fordert Begründungen. Und ich wünsche euch von Herzen, dass ihr bald eine Lösung findet.

Vielleicht reden wir beim nächsten Mal über etwas ganz Spezielles: die Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität. Meldet euch, wenn ihr Lust habt!

Ein ungetesteter, aber herzlicher Gruss von eurer

Ernährungsberaterin
Tatiana Gaudimonte
info@loveyourbody.ch

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Quellen:
MSD Manuals: https://www.msdmanuals.com/de/heim/immunst%C3%B6rungen/allergische-reaktionen-und-andere-hypersensitivit%C3%A4tsst%C3%B6rungen/nahrungsmittelallergie
aha! Allergiezentrum Schweiz: https://www.aha.ch/allergiezentrum-schweiz/allergien-intoleranzen/nahrungsmittelintoleranzen?lang=de