Das Thema ist mittlerweile nicht mehr zu umgehen: Man dreht und wendet sich, wie man will, überall stösst man auf Hinweise zu Inkretin-Mimetika — ja, das klingt verdächtig nach «Kretin», aber keine Sorge, gemeint ist niemand — oder GIP/GLP-1-Agonisten — sei es in den sozialen Medien, weil man bei der Arbeit darüber spricht, oder weil der Sohn der Coiffeuse «das Spritzli» auf einer koreanischen Website für 50 Euro gefunden hat und begeistert ist.
Aber was steckt wirklich dahinter, welchen Nutzen können diese Medikamente bringen, und welche Risiken, wenn sie nicht korrekt eingesetzt werden? Schauen wir es uns gemeinsam an.
Vor ein paar Wochen zeigte mir eine Patientin stolz ihr Smartphone. Auf dem Bildschirm war das Foto eines Injektionspens zu sehen, darunter die Nachricht einer Freundin: «Schau, ich habe in zwei Monaten sieben Kilo verloren!»
Ich gebe zu, für einen Moment musste ich lächeln.
Nicht, weil mich die Nachricht überrascht hätte, sondern weil sich solche Szenen in den letzten Monaten ständig wiederholen. Medikamente gegen Adipositas sind Teil des Alltagsgesprächs geworden. Man spricht darüber in den sozialen Medien, im Fernsehen, im Wartezimmer und sogar beim Abendessen unter Freunden. Und trotz all dieser medialen Aufmerksamkeit frage ich mich unweigerlich, wie viele Menschen tatsächlich verstanden haben, was diese Medikamente sind und wie sie wirken.
Zuerst muss klargestellt werden: Es handelt sich weder um einen vorübergehenden Trend noch um das x-te Wundermittelversprechen aus der Welt des Abnehmens.
Wir sprechen von echten Medikamenten, die in grossen internationalen klinischen Studien untersucht wurden und die den therapeutischen Ansatz bei Adipositas grundlegend verändern.
Um deren Bedeutung zu verstehen, muss ich aber einen Schritt zurückgehen — vom Medikament zur Krankheit, für die es entwickelt wurde: die Adipositas.
Über viele Jahre wurde das Körpergewicht oft allzu simpel interpretiert: Iss weniger, beweg dich mehr, hab mehr Willenskraft, und das Problem löst sich von selbst. Wer das nicht schafft, gibt sich offensichtlich nicht genug Mühe.
Schade nur, dass die Realität deutlich komplexer ist.
Wer täglich mit Menschen arbeitet, die abnehmen möchten, weiss: Selten fehlt es an Motivation. Ich habe Patientinnen und Patienten erlebt, die strengste Ernährungspläne befolgten, jedes Gramm Essen abwogen, viermal wöchentlich ins Fitnessstudio gingen und auf Abendessen, Apéros und Ferien verzichteten, nur um die Zahl auf der Waage sinken zu sehen. Und die dann auf halbem Weg aufgeben oder die verlorenen Kilos wieder zunehmen — meist mit «Zinsen» obendrauf — sobald die Diät endet.
Heute wissen wir: Adipositas ist eine komplexe, chronische, multifaktorielle Krankheit, beeinflusst von genetischen, hormonellen, metabolischen, psychologischen, umweltbedingten und sozialen Faktoren.
Wir wissen auch, dass unser Körper einen Gewichtsverlust nicht unbedingt als etwas Positives interpretiert. Aus seiner Sicht könnte es sich um eine Hungersnot handeln. Deshalb aktiviert er eine ganze Reihe von Verteidigungsstrategien.
Der Hunger steigt. Das Sättigungsgefühl hält weniger lang an. Die Gedanken kreisen häufiger ums Essen. Und als wäre das nicht genug, sinkt zudem der Energieverbrauch, besonders nach einer restriktiven Diät, die nicht mit entsprechendem Training kombiniert wird.
Mit anderen Worten: Es ist, als würde der Körper ständig versuchen, uns zum Ausgangspunkt zurückzuführen.
Das ist ein bemerkenswerter evolutionärer Mechanismus, der unserer Spezies über Jahrtausende das Überleben gesichert hat. Das Problem ist nur: Heute leben wir in einer Umgebung, in der Essen rund um die Uhr verfügbar ist und Gelegenheiten für spontane Bewegung drastisch abgenommen haben.
Deshalb darf und soll Adipositas nicht einfach als Folge falscher Entscheidungen betrachtet werden.
Viele Menschen, die mit Adipositas leben, kämpfen diesen biologischen Kampf jeden Tag. Und oft kämpfen sie ihn allein, zusätzlich belastet durch die Last der gesellschaftlichen Stigmatisierung (dazu müsste man eigentlich einen eigenen Artikel schreiben).
Hier kommen die GLP-1-Agonisten ins Spiel und, seit Kurzem, die kombinierten GIP/GLP-1-Agonisten.
Wenn wir essen, produziert unser Darm auf natürliche Weise Hormone, die man Inkretine nennt. Eines der wichtigsten ist GLP-1 (Glucagon-like Peptide 1), das an der Regulierung des Blutzuckers beteiligt ist, die Magenentleerung verlangsamt und das Sättigungsgefühl steigert.
Mit anderen Worten: Unter normalen Bedingungen wird GLP-1 nach dem Essen auf natürliche Weise produziert und signalisiert dem Gehirn, dass Nahrung angekommen ist und man beginnen kann, sich satt zu fühlen.
Die Medikamente der neuen Generation ahmen genau diese physiologischen Signale nach oder verstärken sie. Anders gesagt: Sie helfen dem Gehirn, das Sättigungsgefühl schneller wahrzunehmen, und mindern die Intensität des Hungers.
Auch wenn das so beschrieben fast wie Magie klingt — es ist schlicht Physiologie.
Um es unverblümt zu sagen: Diese Medikamente «schmelzen» kein Fett und beschleunigen nicht auf magische Weise den Stoffwechsel.
Sie verwandeln keine Pizza in einen Salat.
Der Gewichtsverlust entsteht vor allem dadurch, dass die betroffene Person weniger isst, ohne dabei ständig jenes Gefühl der Entbehrung zu erleben, das klassische Diäten so oft begleitet.
Das ist ein enormer Erfolg, sowohl aus subjektiver Sicht der Patientin oder des Patienten als auch aus klinischer Sicht.
Eine meiner Patientinnen, die mit Adipositas und Prädiabetes lebt und der ihr Arzt eines dieser Medikamente verschrieben hat, beschrieb mir die Erfahrung ganz einfach: «Zum ersten Mal kann ich ein Päckchen Kekse öffnen, ohne das Bedürfnis zu verspüren, es aufessen zu müssen.»
Und glauben Sie mir, das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet, weniger essen zu können, ohne das Leiden zu spüren, das man früher dabei empfunden hätte. Für Menschen, die seit Jahren gegen den Hunger ankämpfen, ist das eine Revolution.
Die Ergebnisse aus den klinischen Studien sind beeindruckend.
Je nach Medikament und individuellen Merkmalen der Patientin oder des Patienten kann der Gewichtsverlust 15 % des Ausgangsgewichts übersteigen, bei einigen der neuesten Wirkstoffe sogar bis nahe an 20 % heranreichen.
Zahlen, die noch vor wenigen Jahren ohne bariatrische Chirurgie kaum erreichbar waren.
An dieser Stelle öffne ich eine (wichtige) Klammer und sage es nochmals: Vorsicht. Es bleiben Medikamente. Sie dürfen ausschliesslich unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden und haben, wie alle Medikamente, auch Kontraindikationen und Nebenwirkungen — am häufigsten im Magen-Darm-Bereich: Übelkeit, frühzeitiges Völlegefühl (was für eine Überraschung), Reflux, Verstopfung und/oder Durchfall, gelegentlich Erbrechen. Meist handelt es sich um vorübergehende, gut behandelbare Beschwerden, die aber dennoch die Lebensqualität spürbar beeinträchtigen können; deshalb gibt es auch Personen, für die diese Behandlung nicht geeignet ist. Kurz gesagt: Sie sind nicht für alle geeignet — also hört bitte auf, sie online zu suchen. Klammer zu.
Ich habe vorhin gesagt, dass wir vor einer Revolution stehen. Aber wie jede Revolution läuft auch diese Gefahr, missverstanden zu werden.
Das gefährlichste — und leider auch weit verbreitete — Missverständnis ist, diese Therapien seien eine Abkürzung. Oder die endgültige Lösung, die alles andere überflüssig macht.
Nichts davon stimmt.
Was stimmt und erwiesen ist: Diese Medikamente sind äusserst wirksame Instrumente. Das bedeutet aber nicht, dass sie eigenständig funktionieren. Sie einzunehmen allein genügt nicht, damit alles von selbst klappt.
Beginnen wir bei der Zusammensetzung des verlorenen Gewichts. Der Begriff «Abnehmen» sollte sich eigentlich auf den Verlust von Körperfett beziehen und nicht einfach auf Gewichtsverlust im Allgemeinen. Wenn eine Person beim Abnehmen nicht überwiegend Fettgewebe verliert, sondern einen erheblichen Teil der Zell- und Muskelmasse, ist das ein echtes Problem.
Klinische Studien haben tatsächlich gezeigt, dass die fettfreie Masse bis zu 40 % des verlorenen Gewichts ausmachen kann, wenn die Therapie nicht von einer angemessenen Ernährung und der richtigen Art von körperlichem Training (Training, nicht einfach «Bewegung») begleitet wird. Das kommt einem Vorschlaghammer für den Energiestoffwechsel gleich. Und sobald die Therapie beendet wird, nimmt man im Eiltempo wieder zu.
Auch wenn es paradox klingen mag («wozu brauche ich eine Ernährungsberatung, wenn ich schon das Medikament nehme?»): Gerade wenn das Medikament gut wirkt und der Hunger abnimmt, gewinnen Ernährungsqualität und Lebensstil eine zentrale Bedeutung.
Warum? Weil der menschliche Körper erstaunlich konsequent bleibt — auch im Zeitalter der kleinen Spritzen.
Er liebt Bewegung nach wie vor. Er braucht nach wie vor Schlaf. Er reagiert nach wie vor auf die Qualität der Ernährung. Und er belohnt nach wie vor jene, die es schaffen, dauerhaft tragfähige Gewohnheiten aufzubauen.
Die Rolle der Ernährungsberatung wird damit zentral — nicht nur, um zu einer ausreichenden Proteinzufuhr zu verhelfen und zu Bewegung anzuregen (insbesondere Krafttraining), sondern um durch Ernährungsbildung Gewohnheiten in etwas Dauerhaftes zu verwandeln — mühelos, auch nachdem das gewünschte Gewicht erreicht wurde und man beginnt, das Medikament zu reduzieren.
Denn das Medikament kann helfen, weniger zu essen, aber es bringt einem nicht bei, wie man einkauft, Mahlzeiten plant, ein Essen ausser Haus meistert oder Hunger von Müdigkeit, Langeweile oder Stress unterscheidet.
Ohne die Bewältigung des Alltags ist das Problem, sobald das gewünschte Gewicht erreicht ist, leider nicht für immer gelöst.
Die eigentliche Revolution dieser Medikamente besteht also nicht darin, dass man mühelos abnehmen kann.
Sie besteht darin, dass sie manchen Menschen endlich die Möglichkeit geben, das zu erreichen, was sie über Jahre vergeblich versucht haben: sich zu verändern.
Eine Spritze Zuversicht und herzliche Grüsse von Ihrer Ernährungsberaterin,
Tatiana Gaudimonte info@loveyourbody.ch
(mit KI erstelltes Bild)